Agil bleiben. Für die Community. Gegen hate speech. – Zur Kanalentwicklung von „Auf Klo“

Who the fuck is Dr. Sommer? Hier kommt „Auf Klo“

„Auf Klo“ ist ein Aufklärungsformat, das die KOOPERATIVE BERLIN seit 2016 für funk produziert. Zuerst nur auf eine Staffel angelegt, zählt das Webvideoformat nach knapp zwei Jahren 150 000 Abos auf YouTube und ca. 2 Millionen Klicks monatlich. Das Konzept ist eigentlich ganz einfach: Jeden Donnerstag treffen sich zwei Menschen in unseren Studioräumen – sozusagen in einer öffentlichen YouTube-Toilette – und reden. Über Körper, Menstruieren, Depressionen und Make-up, Brüste und Borderline, Beziehungen und Liebeskummer, guten und schlechten Sex, Geschlechterrollen, Stereotype und Klischees. Aber wieso eigentlich dieser Name? „Auf Klo“ ist eine Antwort auf die nervige Frage: „Warum gehen Mädchen eigentlich immer zu zweit aufs Klo?“ Na, um entspannt in einem für sie sicheren Raum über die wichtigen Dinge und Probleme des Lebens zu reden.

„Auf Klo“ ist ein Format für Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 20 Jahren, das vor allem eine Message hat: Du bist o. k. Und weil die Menschen, die wir damit erreichen möchten, vor allem in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, findet „Auf Klo“ genau dort statt: In zwei veröffentlichten YouTube-Videos pro Woche werden Reizthemen behandelt, Tabus oder Alltägliches, und über Instagram und Facebook weitergesponnen. Wieso redet auf YouTube eigentlich niemand über Fehlgeburten ? Bin ich pansexuell ? Was heißt eigentlich nonbinär ? Und wieso ist die Flüssigkeit in Tamponwerbungen  immer noch blau?

Die Kanalidee entstand im Zuge einer öffentlichen Ausschreibung von funk – damals noch unter dem Arbeitstitel „Junges Angebot von ARD und ZDF“. In Fokusgruppenworkshops mit Mädchen zwischen 14 und 16 begaben wir uns auf die Suche nach möglichem Kitt für die Lücke, die zwischen öffentlich-rechtlichen Angeboten in Deutschland und der YouTube-Welt klaffte. Was unserer Einschätzung nach fehlte, waren positive Identifikationsangebote für eine Zielgruppe in der Betaphase, die von Erwachsenen gern als Pubertät bezeichnet wird. Ein offenes und ehrliches Aufklärungsformat ohne Stereotype und erhobenen Zeigefinger sollte es werden, das mit Betroffenen spricht statt nur über sie – und somit Identifikationsangebote macht. Held*innengeschichten, die Jungs so oft vermittelt werden, fanden sich in Angeboten, die sich an eine weibliche Zielgruppe richten, bis dato kaum. Wir wollen sie erzählen. Scheitern, zweifeln, von vorn anfangen erlaubt.

Am Anfang war der hate

Als wir mit unserem Format im Oktober 2016 an den Start gehen, erreichen wir aber nicht unsere Zielgruppe (und sind noch nicht mal nah dran). Irgendwie scheinen wir mit der ersten Folge vor allem alte Männer anzusprechen. Und die sind vor allem eins: getriggert! Die Trolle und wir? It’s a match!

Eine dicke, nonbinäre Person erlaubt es sich, auf einer Toilette Baklava zu essen und über Feminismus und fat shaming zu reden – finanziert von Ihrem Rundfunkbeitrag in einer Sendung, die „Auf Klo“ heißt und auch dort stattfindet. Und die sich auf die Fahne geschrieben hat, mit Stereotypen zu brechen. Das sind die Triggerpunkte, die wir mit unserer ersten Folge drücken. So ziehen wir zu Beginn nicht nur antifeministische Kommentare auf unseren Kanal, sondern auch Gegner der Öffentlich-Rechtlichen. Schlicht durch die Tatsache, dass „Auf Klo“ mit A beginnt und deshalb in der ersten Reihe auf der alphabetisch geordneten funk-Website auftaucht, müssen wir in Sachen Communitymanagement die ersten Wochen ordentlich Überstunden kloppen.

Da stehen wir also. Ein einziges Video online, keine Community, ein Shitstorm nach dem anderen, Beleidigungen, Morddrohungen, hate auf YouTube, Twitter und Facebook. Wir diskutieren, legen uns Argumente zurecht, antworten immer und von überall, glauben an uns und an das bessere Argument. Denken, dass wir – wenn wir nur klug und nachvollziehbar genug argumentieren – ein paar von denen auf die richtige Seite ziehen können. Spoiler: Selten so viel Zeit verschwendet.

Haters gonna hate

Wir stellen fest: Das führt zu nichts, und ändern unsere Kommunikationsstrategie. Statt uns mit dem Ausdiskutieren von antifeministischen Kommentaren zu beschäftigen, entscheiden wir uns für einen Kurswechsel. Wir beginnen, den hate zu ignorieren und diejenigen zu umarmen, die Positives schreiben. Wir gehen nicht mehr nur in Privatnachrichten ausführlich auf unsere Community ein und fangen an, uns auch öffentlich mehr mit denjenigen zu beschäftigen, die verstehen und gut finden, was wir da machen: mit der Zielgruppe! Die wollen wir schließlich eh erreichen.

Lovers gonna love – all eyez auf die Community

Nach und nach wird „Auf Klo“ bekannter, Abonnentinnen und Klickzahlen wachsen und damit auch die Community. Jede Woche erreichen uns unzählige Nachrichten und Fragen – per Mail, YouTube, Facebook und Instagram. Wir beantworten jede einzelne von ihnen und bleiben bei der Strategie: Statt viel Energie in die Bekämpfung von hate speech zu stecken, kümmern wir uns um diejenigen, die sich konstruktiv und fragend an uns wenden. Wir beziehen die Community über Q&As direkt in die Sendung ein, beantworten jede Privatnachricht, setzen Themenvorschläge aus der Community um, herzen positive Kommentare – umarmen diejenigen, die uns supporten, und bauen auf diese Weise eine starke Community auf. Und langsam realisieren wir, was wir da gemacht haben: Mit unseren Inhalten haben wir eine Community aufgebaut, die sich von dem, was sie auf dem Kanal findet, so ernst genommen fühlt, dass sie selbst empowernd wirken kann. Die Kommentarkultur verändert sich hin zu einer wertschätzenden, konstruktiven, liebevollen. Wir haben eine konstruktive Kommentarkultur geschaffen, in der Kritik erlaubt und erwünscht ist, Support großgeschrieben wird und in der hate (fast) keinen Platz mehr hat. Gäste bekommen Komplimente, die nichts mit dem Thema zu tun haben, es wird geherzt und gelikt – und falls sich mal eine Hater*in in unsere Kommentarspalte verirren sollte, nimmt die Community das mittlerweile selbst in die Hand.

Wir denken die Community von Anfang an mit und binden sie aktiv in die Weiterentwicklung unseres Formats ein. Was anfangs vor allem über Fokusgruppenworkshops in reality passierte, funktioniert heute vor allem über die Plattformen selbst. Durch Umfragen, Themenvorschläge und Hinweise über Privatnachrichten sowie per Mail kommen wir als Redaktion ein Stück näher ran an die Community – und häufig auch auf neue, auf den ersten Blick vielleicht abwegige Ideen. Themen wie Morbus Crohn  und Autismus  wären auf den ersten Blick keine „Auf Klo“-Themen gewesen – wäre da nicht der vermehrte Wunsch aus der Community gekommen. Manchmal schlagen sich Gäste selbst vor und landen dann selbst mit ihrer Geschichte in der Sendung – eben weil wir mit der Community sprechen wollen und nicht nur über sie.

Das bringt natürlich auch Komplikationen mit sich. Wenn ein Thema ein großes Identifikationspotenzial bietet, ist auch die Fallhöhe sehr hoch. Wenn wir uns auf die Fahne schreiben, inklusiv und intersektional zu sein, muss sich das auch in der Gäste- und Themenauswahl widerspiegeln – und auch in der Produktion mitgedacht werden. Sind unsere YouTube-Videos, unser Studio, unser Instagram-Auftritt barrierefrei? Muss unsere Redaktion diverser werden? Können wir unserem eigenen Anspruch gerecht werden, ein Aufklärungsformat ohne erhobenen Zeigefinger zu sein? Wo ist die Grenze zwischen Aktivismus, Journalismus und Medienpädagogik?

Das sind einige der Fragen, die wir uns fortlaufend und immer wieder stellen müssen. Wir haben gemeinsam mit der Community einen space geschaffen, den die Zielgruppe als supportive wahrnimmt und den sie sich nicht kaputtmachen lässt. „Auf Klo“ findet sie Themen, die sie beschäftigt oder die neu für sie sind, und findet Antworten auf Fragen, die sie sich sonst vielleicht nicht öffentlich zu stellen traut. Die Community unterstützt uns aktiv beim Gegenhalten und dadurch können wir uns als Redaktion mehr Zeit für unsere eigentliche Aufgabe nehmen: gute Inhalte machen. Aber wir müssen uns auch immer wieder selbst hinterfragen und mit der Community wachsen. Auch wenns manchmal wehtut.

PS: Unsere 10 Gebote für erfolgreiches Communitymanagement

 

  • Nimm deine Community ernst. Vor allem wenn sie jünger ist als du selbst. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn ein Produkt klingt wie ein Produkt, das erwachsene Menschen für „junge Leute“ gemacht haben.
  • Glaub an deine Zielgruppe.
  • Mach Inhalte, die einen Mehrwert für die Zielgruppe haben, und teste das immer wieder. Wenns nicht mehr passt, dann weg damit.
  • Nimm dich selbst ernst. Aber sei ruhig auch manchmal selbstironisch.
  • Antworte auf konstruktive Posts. Auch wenn sie weder Fragen noch Kritik beinhalten.
  • Denk die Community bereits bei der Recherche mit.
  • Mach Komplimente.
  • Bedank dich!
  • Lieber 1 Like zu viel als zu wenig.
  • Hab keine Angst vor der Löschtaste. Und wenns ganz schlimm wird: screenshotten & anzeigen.

Autorin

Lydia Meyer lebt als Autorin, Redakteurin und Formatentwicklerin in Berlin. Für die KOOPERATIVE BERLIN konzipierte sie unter anderem den Aufklärungskanal „Auf Klo“ sowie das queerfeministische Format „softie“ für funk. Beide Kanäle betreut sie seit ihrem Start redaktionell und beobachtet mit großer Freude, wie Community und Formate sich miteinander weiterentwickeln. Vorher studierte sie Kulturwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Leipzig und Berlin.

Quellen